3. Weltbilder

"Wir leben im Augenblick in einer Phase, wo man sagen muss, es ändern sich regelrecht Paradigmen und Grundfesten unserer bisherigen Überzeugungen. Wo immer ich unterwegs bin, stelle ich fest, dass das, woran Menschen noch vor zehn Jahren fest geglaubt haben, inzwischen erschüttert wird. Es hat offenbar ein großes Umdenken begonnen, wobei die meisten Menschen offenbar noch nicht wissen, wohin sie umdenken müssen. Es sieht also eher so aus, als ob alle nun inzwischen endlich zugeben, dass sie mit ihrem bisherigen Denken in eine Sackgasse geraten sind und nun würden sie gern wissen, wie es anders geht und wissen es nicht: Politiker (Bildungspolitiker ganz besonders), Psychiater, Mediziner überhaupt. Also wir leben im Augenblick in einer unglaublich spannenden Zeit und in solchen Umbruchsphasen ändern sich dann allmählich auch Weltbilder." 14)

 

 


3.1 Das mechanistische Weltbild

Eines dieser erschütterten Paradigmen ist das des mechanistischen Weltbildes mit seinen linearen Ursache-Wirkungs-Vorstellungen, die sich in immer mehr bei der Beschreibung komplexer Zusammenhänge als unzureichend erweisen. 15 Auch angesichts der Komplexität des synergetischen Arbeitsgebietes – die neuronale Innenwelt des menschlichen Gehirns – versagen lineare Erklärungsmodelle. Paradigmen sind zum Teil jedoch lang vorherrschende Denkmuster und spiegeln einen gewissen allgemein anerkannten Konsens über Annahmen und Vorstellungen wider, die es ermöglichen, für eine Vielzahl von Fragestellungen Lösungen zu bieten. Weltbilder kippen nicht gerade schnell und so kommt es derzeit zu einem Nebeneinander von zum Teil einander ausschließenden Auffassungen – etwa darüber, was denn eigentlich unter ‚Heilung‘ zu verstehen sei. Im Sinne eines Grundverständnisses des ganzheitlichen Ansatzes synergetischer Innenweltreisen ist es nötig, etwas weiter auszuholen und die Entwicklung des mechanistischen Weltbildes darzulegen, um bewusst zu machen, an was eigentlich derzeit so gerüttelt wird.

Das mechanistische Weltbild erscheint heute vor allem in zwei Ausprägungen, die allerdings im Allgemeinen nur selten auseinander gehalten werden. Da ist zunächst der Vergleich mit Maschinen. Er stellt den Versuch dar, die Funktionsweise komplexer Naturphänomene, wie etwa der menschliche Körper, zu vereinfachen und zu veranschaulichen, indem die fortgeschrittensten Erfindungen einer jeweiligen Epoche zum Vergleich mit der Arbeitsweise des menschlichen Körpers herangezogen werden.

Diese Sichtweise geht zurück auf das 17. Jahrhundert und war eine seinerzeit ausgesprochen innovative (und in Anbetracht der kirchlichen Deutungshoheit eine zudem kühne) Revolution im Denken der damaligen Zeit: Die Vorstellung von der göttlichen Schöpfungsordnung wurde beiseite geschoben und durch ein mechanistisches Weltbild ersetzt. Der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes (1596 – 1650) etwa war überzeugt, dass der Mensch allein durch Nachdenken und unabhängig von konkreten Erfahrungen die absolut gültigen Naturgesetze zu erkennen vermag. Weil er nur sicheres Wissen akzeptieren wollte, bezweifelte Descartes zunächst alles. Auf diese Weise kam er zu seinem berühmten Ausgangspunkt: "Cogito ergo sum" ("Ich denke, also ich bin"). Der Kosmos wurde als Riesenmaschine aufgefasst, deren Räderwerk ewigen Gesetzen folgt, die der Mensch mit Hilfe seiner Vernunft erfassen kann. Descartes fragt:

"Wir sehen Uhren, kunstvolle Wasserspiele, Mühlen und andere ähnliche Maschinen, die, obwohl sie nur von Menschenhand hergestellt wurden, nicht der Kraft entbehren, sich aus sich selbst auf ganz verschiedene Weisen zu bewegen. [...] Warum soll dann eine von Gott hergestellte Maschine sich nicht auf viel mehr Weisen bewegen können als Uhren und Wasserspiele - also so vielfältig wie der Mensch?"

Mit dieser Überlegung reißt Descartes ein Thema an, das die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst von nun an bis auf den heutigen Tag prägt: den Vergleich mit Maschinen. Jede Epoche erfindet Automaten und mit diesen Erfindungen aktualisieren sich die Vorstellungen der Maschinenmodelle vom Menschen. Zu Descartes' Zeit sind dies vor allem Uhr, Orgel und hydraulische Technik, später werden diese einfachen Maschinen durch komplexere ersetzt, wie etwa Dampfmaschine oder die automatische Telefonschaltzentrale.

Die im 19. Jahrhundert entstandene wissenschaftliche Psychologie kennt zahlreiche Maschinenmodelle für den Menschen bzw. die Psyche. Freud etwa spricht vom psychischen Apparat, der Verhaltensforscher Konrad Lorenz verwendet ein Dampfkesselmodell des Instinktverhaltens. Die Kognitionspsychologen schließlich behaupten, der menschliche Geist funktioniere wie ein Digitalrechner. Den wohl entscheidenden Schritt für einen Vergleich mit den kognitiven Leistungen des Menschen bildet die Erfindung des Computers um die Zeit des Zweiten Weltkrieges; die vor ihm erfundenen Maschinen taugten vorwiegend lediglich zur Erklärung des menschlichen Körpers.

Man bemüht sich, den Menschen ausgehend von den von ihm selbst geschaffenen Maschinen zu verstehen, das heißt im Spiegel seiner Maschinen zu erkennen. Dieser Spiegel wirft jedoch vor allem die Fragwürdigkeit der überkommenen Menschenbilder, das Unverständnis und Unwissen des Menschen über sich selbst zurück, was zumeist aber erst den nachfolgenden Epochen bewusst wird und dann mitunter ungewollt komisch anmutet.

Die jeweils aktuellen Maschinenvergleiche werden hingegen stets als vernünftig und stimmig empfunden – das ist auch heutzutage so – und so mangelt es derzeit nicht an Bemühungen, das menschliche Gehirn im Lichte der Mikroelektronik neu zu verstehen. Seit das Gehirn als Sitz kognitiver Leistung erkannt wurde, wurde es in der Literatur immer mit dem komplexesten verfügbaren technischen Apparat verglichen (Dampfmaschine, Telegraph und schließlich der Computer). Eine Tradition, die auch beim Aufkommen des Internets gepflegt wurde:

Von Anfang an wurden Analogien zwischen dem Internet und dem Gehirn gezogen, wobei die Interaktionen zwischen Internet-Benutzern mit Interaktionen zwischen Neuronen oder Neuronenensembles verglichen wurden und somit wächst nunmehr die Anzahl an Publikationen, die das Internet metaphorisch als Weltgehirn betrachten.

Neben dieser bildhaften Seite des mechanistischen Weltbildes lässt sich zudem eine methodische Ausprägung feststellen, die ebenfalls im 17. Jahrhundert wurzelt und auf Isaac NEWTON (1643 – 1727) zurückgeht. Er vervollständigte die mechanistische Weltauffassung und formulierte sie mathematisch. Der englische Astronom, Physiker und Mathematiker begründete die klassische Physik und verhalf den exakten Naturwissenschaften zum Durchbruch. Von konkreten Einzelfällen ausgehend, erarbeitete Newton eine geschlossene und mathematisch exakt formulierte Theorie der Mechanik, aus der durch logische Schlüsse Einzelfälle abgeleitet werden konnten, die sich empirisch überprüfen ließen. Was sich nicht im Experiment untersuchen und wiederholen ließ, was nicht exakt gemessen werden konnte und sich der mathematischen Darstellung entzog, verbannte er aus den Naturwissenschaften.

 

3.2 Das ganzheitliche Weltbild (Holismus

Von diesem Weltbild blieben die Physiker überzeugt, bis sie auf unerklärliche Widersprüche stießen: Der amerikanische Physiker Albert A. MICHELSON stellte 1881 fest, dass die gemessene Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der relativen Bewegung zwischen der Lichtquelle und dem Messinstrument konstant bleibt. Daraus folgerte Albert EINSTEIN (1879 – 1955), dass die Dimensionen der Zeit bzw. des Raumes keineswegs absolut sind – wie Isaac NEWTON angenommen hatte –, und er veröffentlichte 1905 unter dem Titel "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" die spezielle Relativitätstheorie: Die Dauer einer Zeiteinheit nimmt mit der Geschwindigkeit des bewegten Systems zu, während sich zugleich die in Bewegungsrichtung fallenden räumlichen Abmessungen verkürzen. Außerdem wächst die Masse eines Körpers proportional zur Geschwindigkeit. EINSTEIN erkannte, dass Masse und Energie nicht so streng geschieden sind, wie man es angenommen hatte, sondern ineinander übergeführt werden können: Energie ist gleich dem Produkt aus der Masse und dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit.

Louis-Victor de BROGLIE (1892 - 1976) stellte 1924 ein weiteres Paradoxon auf: Elementarteilchen lassen sich ebenso gut als Welle wie als Teilchen beschreiben. Diese und andere Erkenntnisse brachten in der Physik die geltende Weltanschauung zum Einsturz und führten zu einer fundamentalen Änderung von Grundbegriffen wie Raum und Zeit, Materie und Energie, Ursache und Wirkung. Als Ersatz für die klassische Physik formulieren Max Planck, Albert EINSTEIN, Niels BOHR, Louis de BROGLIE, Erwin SCHRÖDINGER, Wolfgang PAULI, Werner HEISENBERG und Paul DIRAC die Quantentheorie. 16 Im Gegensatz zur mechanistischen kartesianischen 17 Weltanschauung kann man die aus der modernen Physik hervorgehende Weltanschauung mit Worten wie organisch, ganzheitlich und ökologisch charakterisieren. Man könnte sie auch ein Systembild nennen, im Sinne der allgemeinen Systemtheorie.

Das Universum wird nicht mehr als Maschine betrachtet, die aus einer Vielzahl von Objekten besteht, sondern muss als ein unteilbares, dynamisches Ganzes beschrieben werden, dessen Teile auf ganz wesentliche Weise in Wechselbeziehung stehen und nur als Strukturen eines Vorganges von kosmischen Dimensionen verstanden werden können. Das Universum ist also ein einheitliches Ganzes, das bis zu einem gewissen Grad in getrennte Teile zerlegt werden kann, in Objekte, bestehend aus Molekülen und Atomen, die ihrerseits aus Teilchen bestehen. Doch hier, auf der Ebene der Teilchen, gilt der Begriff separater Teile nicht mehr. Die subatomaren Teilchen – und somit letztlich alle Teile des Universums – können nicht als isolierte Einheiten verstanden werden, sondern lassen sich nur durch ihre Wechselbeziehungen definieren.

Auf subatomarer Ebene lösen sich die festen materiellen Objekte der klassischen Physik in wellenartige Wahrscheinlichkeitsstrukturen auf; es gibt keine statischen Strukturen. Stabilität existiert als dynamisches Gleichgewicht. Werner HEISENBERG leitete 1958 die Diskussion über die Weltformel ein. Er ist überzeugt davon, dass es sich auch bei den Elementarteilchen lediglich um Denkschablonen für bestimmte energetische Prozesse handelt, dass also auch die Differenzierung zwischen Welle und Teilchen nur aufgrund unterschiedlicher Konstrukte erfolgt. Heisenberg konstatierte, dass die Neue Physik nicht materielle Grundbausteine in der Hand halte, sondern auf ein "kompliziertes Gewebe von Vorgängen" gestoßen sei. Während auf einer mikrophysikalischen Ebene der Zufall zu regieren scheint, glauben wir in der makrophysikalischen Betrachtung relative Stabilität auszumachen: Menschen, Tiere, Pflanzen, Häuser, Straßen, Autos und den Boden unter den Füßen.

Paradigmenwechsel dieses Ausmaßes sind Umbruchsprozesse im Denken, die mehrere Generationen brauchen, um sich allgemeingültig gegenüber den bisherigen Auffassungen durchzusetzen. Ähnlich wie bei der allmählichen Durchsetzung des kartesianischen mechanistischen Weltbildes, reicht es auch heute nicht allein, dass große Köpfe Großes erkennen und verkünden. Das ganzheitliche Paradigma konkurriert mit bestehenden und scheinbar bewährten Denkstrukturen, die sich aus dem über 350 Jahre alten mechanistischen Weltbild ableiten und die bewirken, dass weite Teile der Wissenschaft, der Medizin und insgesamt der Gesellschaft (noch) “die Welt mit anderen Augen sehen.“

Dieses Beharren auf ein ehemals ausgesprochen innovatives Denkkonzept, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass mittlerweile allenthalben ein Umdenken eingesetzt hat und Ansätze der strukturwissenschaftlichen Synergetik, der Chaostheorie, der Selbstorganisationsforschung und insgesamt der Systemtheorie in vielen Wissenschaftszweigen Fuß gefasst haben und von hier aus ihren Einfluss auf weite Teile der Gesellschaft ausüben. Längst sind ganzheitliche Angebote in Krankenhäusern und Reha-Kliniken keine Seltenheit mehr und ganzheitliche Konzepte finden sich gängig in der Wirtschaft, im Bildungswesen, im Tourismus etc.

Das ganzheitliche Paradigma 18) begreift den Menschen als ein offenes System, dessen Teile in wechselseitiger Beziehung zueinander, zum ganzen Organismus und zur gesamten Außenwelt stehen, eine Einheit also aus Körper, Geist und Seele.

 

14 Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther in einem Vortrag zum Thema: Einführung in die Neurobiologie für Therapeuten und Pädagogen (vgl. Literaturverzeichnis).

15 Vgl. CAPRA, Fritjof: Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. 5. Aufl. Bern [u. a.] 1983.

16 Eine knappe Einführung bietet etwa: INGOLD, Gert-Ludwig: Quantentheorie. Grundlagen der modernen Physik. 4. Aufl. München 2008 oder BOCK-MÖBIUS, Imke: Qigong meets Quantenphysik. Das Prinzip Einheit erleben. Oberstdorf 2010.

17 'Kartesianismus‘ [nlat.] = Die Philosophie Descartes' und seinen Nachfolgern.

18 Der Holismus ([gr.] 'holos' = ganz), auch Ganzheitslehre, ist die Lehre, dass die Elemente eines Systems – einer „Ganzheit“ oder „Gestalt“ – durch die Strukturbeziehungen vollständig bestimmt sind. Hauptargument des Holismus gegen das mechanistisch, lineare Weltbild ist die Problematik der „Emergenz“, d.h. der nicht vollständigen Erklärbarkeit des Ganzen aus den Teilen.